Show-Bulldog und der Verlust der Fähigkeit zur natürlichen Reproduktion

Beim Bulldog, besonders beim Show-Bulldog, ist die Fortpflanzung in allen ihren Phasen massiv gestört bis hin zum vollständigen Verlust der natürlichen Funktionen. Auswirkungen sind:

- natürliche Deckakte werden standardmäßig ersetzt durch künstliche Besamung

- natürliche Geburten werden standardmäßig durch Kaiserschnitte, zunehmend gar terminierte Kaiserschnitte ersetzt

- die Aufzucht der Welpen wird der Mutter weggenommen und durch den Züchter bzw. als Aufzucht in Lohnarbeit an Dritte vergeben

- eine rücksichtslose Ausbeutung der Mutterhündinnen, die nicht selten für die Welpenernte geopfert werden

Verpaarung

WDR BlendingerDer Show-Bulldog ist heute kaum noch in der Lage, sich selbst fortzupflanzen: Zu schwer, zu breit, zu wenig Kondition, ein widernatürlich verformter Körperbau. Doch das schert die Szene der Show-Bulldog-"Züchter" und -Halter kaum. Erfahrene Vermehrer wissen sich preisgünstig zu helfen und führen die künstliche Besamung gleich selbst durch. Ansonsten springen fragwürdige Tierärzte gerne ein und lassen natürlich fortpflanzungsunfähige Hunde Nachkommen produzieren. (wie hier in einem TV-Beitrag gezeigt; Foto daneben, es zeigt Tierarzt Dr. Konrad Blendinger der gerade einen übertypisierten Bulldog absamt, der nicht natürlich decken kann und extreme Atemnot zeigt. Screenshot vom www.wdr.de/tv/diestory, Sendung vom 22.08.11).

Unterstützen sie diese Auswüchse einer fehlgeleiteten Zucht nicht! Lassen sie sich als Welpenkäufer zusichern, dass ihr Welpe mit einem natürlichen Deckakt gezeugt wurde. Fallen sie nicht auf Ammenmärchen herein, z.B. die künstliche Insemination sei aus "hygienischen" Gründen nötig; 99,9% der weltweiten Hundepopulation vermehrt sich ohne menschliche "Hilfe" - und zwar äußerst erfolgreich.

(Ausnahme: Es kann sein, dass ein Züchter einen guten Deckrüden einsetzen will, der aber sehr weit weg steht. In beispielsweise solchen Fällen kann die Anwendung der instrumentellen Besamungstechniken durchaus im Interesse der Population sein.)

Geburt

Seit Mitte der 70er Jahre wurde der Bulldog (neben dem Französischen Bully, dem Boston Terrier und einigen anderen Hunderassen) zu den Vorreitern einer neuen Stufe der Perversionen in der Rassehundezucht: Der Kaiserschnitt als Standardmethode der Geburt. Während die deutschen Bulldog-Vermehrer-Vereine keine Zahlen zu den Anteilen von natürlichen und medizinischen Geburten veröffentlichen, beauftragte der britische Kennel Club 2008 die Universitäten Cardiff und Nottingham mit Untersuchungen dieses Themas. Das Anfang 2010 veröffentlichte Ergebnis war ernüchternd wenngleich für Kenner der Szene keineswegs überraschend: 86,1% der Bulldog-Würfe fallen per Kaiserschnitt*. Das heißt: Knapp 9 von 10 Bulldog-Würfen erblicken das Licht der Welt nur noch mit Hilfe des Tierarztes!
Tony Darmanin
Screenshot nebenstehend zeigt den Wunschbulldog eines Stars der internationalen Show-Bulldog-Szene, des Show-Züchters und weltweit gefragten FCI-Richters Tony Darmanin, der auch bei der VDH-Europasieger-Ausstellung in Dortmund 2011 richtete. Seine Wunschform rechts oben ist eine Anleitung zur Qualzucht und eine der Hauptursachen für den Verlust der natürlichen Gebährfähigkeit. Solche breiten Schultern in Verbindung mit der extrem schmalen Hüfte verhindern geradezu systematisch eine natürliche Geburt. Selbst auf seiner Website zeigt Darmanin ein Bild aus der Zucht dieses langjährig erfahrenen Show-Züchters, das seine Hündin Zara mit künstlich angelegten Welpen und künstlicher Geburt/Kaiserschnitt zeigt; Screenshot von http://www.sutusbulldogs.co.uk vom 11.5.2011, 9h.

Es ist geradezu ein Hohn auf das Schicksal dieser Hunderasse und besonders der zuallererst leidenden Bulldog-Hündinnen, wenn diese Bilanz aus der Show-Bulldog-Szene auch noch zur Vorsichtsmaßnahme unerfahrener "Züchter" verniedlicht wird.

Zudem hat sich seit einigen Jahren eine Allianz von Vermehrern und Veterinären herausgebildet, die terminierte Kaiserschnitte zum Standard werden lässt. Zum Produktionstermin Reißverschluss auf, Ware Welpe geerntet und wieder zu. Das große Geld für die Ware Bulldog lässt bei manchen offenbar jeden Respekt vor den Hunden verschwinden.

Darüber hinaus sind in weiten Teilen der Szene mehr als zwei Kaiserschnitte pro Hündin üblich. Das Gutachten zu § 11b des Tierschutzgesetzes, Verbot von Qualzüchtungen, führt hingegen ausdrücklich an, dass ein "Zuchtausschluss nach dem 2. Kaiserschnitt" erfolgen soll.

(Ausnahme: Bei dem heutigen Stand der Bulldog-Population wird man nicht von heute auf morgen auf Kaiserschnitte ganz verzichten können. Lieber im Zweifel eine Schnittgeburt, als das Leben der Mutter zu gefährden.)

Aufzucht

Hier kommen zwei Aspekte zusammen. Zuweilen sind die Hündinnen bereits soweit degeneriert, dass die Instinkte zur Aufzucht der Welpen unterentwickelt sind. Hauptaspekt für eine künstliche Aufzucht ist aber die Profitgier. Die teure Ware Bulldog-Welpe, in die man bereits allein an Tierarztkosten für Insemination und Kaiserschnitt viel investiert hat, soll möglichst ohne Komplikationen und zugleich bequem für den "Züchter" verkaufsfertig gemacht werden. Da ist das Risiko von Verlusten durch Fehler der Mutterhündin, etwa wenn ein Welpe durch falsche Bewegungen erdrückt wird, zu hoch. Seriöse Bulldog-Züchter nehmen es auf sich, die ersten Wochen Tag und Nacht an der Wurfkiste zu verbringen, um hier ein wenig Aufsicht zu praktizieren. Zugleich werden die Welpen hervorragend sozialisiert.

Nicht wenige Hundeproduzenten vergeben die mühsame Arbeit einer künstlichen Aufzucht der Welpen kurzerhand für ein Handgeld an Dritte. Besonders profitgierige Vermehrer vergeben also Teile der Bulldog-Produktion in Lohnarbeit, etwa die künstliche Fütterung.

Ohne verantwortungslose Welpenkäufer keine Qualzucht

SmoothpowerpackDie Zucht von Bulldog-Welpen ist in weiten Teilen der Szene zur reinen Produktion der Ware Hund verkommen, bei der neben den beteiligten "Züchtern" auch Tierärzte eine aktive Rolle spielen. Die Mutterhündinnen werden im wahrsten Sinne des Wortes bis aufs Blut ausgebeutet.

Bitte nehmen Sie als Käufer eines Welpen ein klein wenig Verantwortung für den Tierschutz wahr und kaufen sie nicht bei Anbietern, die sich an den hier genannten Praktiken beteiligen. Lassen sie sich Fotos zeigen von der Mutter samt Welpen kurz nach der Geburt!

Foto nebenstehend: Es gibt sie noch: Relativ gesunde, vitale Bulldogs und auch Hündinnen, die natürlich werfen können - die Hoffnungen des echten Bulldoggers; hier dokumentiert von http://www.smoothpowerpack.de/.

Seriöse Bulldog-Züchter, die es auch noch gibt, investierten neben langjährigem Know-How extrem viel Aufwand in jeden einzelnen Wurf. Sorgfältige Auswahl der nicht übertypisierten Elterntiere, kontinuierliche medizinische Betreuung der Trächtigkeit, Know-How für die Geburtshilfe bei jederzeitiger Rückgriffoption auf den Tierarzt, Tag und Nacht Begleitung der Aufzucht durch die Mutterhündin - all das rechtfertigt den hohen Preis für einen solchen Bulldog-Welpen ohne weiteres.


Resumee: Allein die hier angeführten Probleme in der natürlichen Reproduktion lassen keine andere Qualifizierung zu: Die heutige Bulldog-Zucht ist in toto zu einem System der Qualzucht degeneriert.


*
- Katy M. Evans, Vicki J. Adams, Proportion of litters of purebred dogs born by caesarean section, 2010
- Sir Patrick Bateson, The Independent Inquiry into Dog Breeding, Cambridge 2009

Ein Beitrag von Christoph Jung


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